Ihr Musizieren war ein feuriger Gegenentwurf zum leeren, schönen Spiel der "Nur"-Virtuosen. Von den frühesten Wunderkindjahren bis zu ihrem Unfalltod mit nur dreißig Jahren war sie besessen auf der Suche nach einem, dem Musikkunstwerk und ihren inneren Welten angemessenen Ausdruck. Einer ihrer Wahlsprüche lautete: "Strebe nach dem Höchsten - strebe nach Schönheit". Schönheit hatte für die große französische Geigerin jedoch wenig mit dem klassischen Begriff von Ausgewogenheit und edler Grazie zu tun, Schönheit äußerte sich bei ihr vor allem in Expressivität und vibrierender Intensität. Es war Ginette Neveu in ihrem kurzen Leben nicht vergönnt, einen ruhigen, ausgleichenden Pol vollständig auszubilden, der dem nervösen Teil ihrer Künstlerpersönlichkeit ein Gegengewicht geboten und ihrem Spiel eine Mitte gegeben hätte. |