Johann von Herbeck (1831-1877) teilt mit anderen Musikern das Schicksal, durch sein unermüdliches Wirken das Musikleben seiner Zeit zwar wesentlich mitgeprägt, jedoch als Komponist keinen bleibenden Platz in der Musikgeschichte gefunden zu haben. Mit gediegenem handwerklichen Können stellte er sich bis dahin ungelöste kompositorische Aufgaben und fand dabei zu individuellen Lösungen - eindrucksvoll belegt durch die für diese CD produzierten Weltersteinspielungen. Der Reiz der zu Unrecht vergessenen 4. Symphonie liegt in der Kombination von Orchester und Orgel, die aus dem Blickwinkel des Jahres 1877 nur als kühn bezeichnet werden kann. Mit den Symphonischen Variationen schuf Herbeck einen Zyklus, dessen einzelne Sätze nicht nur von unterschiedlichen Epochen inspiriert sind, sondern darüber hinaus höchst individuelle Charaktere ausprägen. Gemeinsam bilden diese beiden Werke Herbecks symphonisches Hauptwerk. "Im Schatten der Großen Gestalten wie der 1831 geborene Johann von Herbeck werden von der Musikgeschichte trotz vielfältiger Begabungen immer wieder an den Rand gedrängt: Zwar wirken sie prägend in ihrem konkreten Lebensumfeld, erscheinen den Zeitgenossen als seriöse ‘Kandidaten‘ für die langfristige Überlieferung ihrer Kunst - allein der musikalische Geschmack, das sich wandelnde ästhetische Empfinden und nicht zuletzt der Erfolg der Rivalen entscheiden häufig anders. So blieb auch für den halb autodidaktisch gebildeten Österreicher zwischen Schubert, Brahms, Liszt, Wagner und Bruckner kein Platz. Zu Lebzeiten erwarb sich Herbeck einen glänzenden Ruf als musikalischer Organisator: Er leitete den Wiener Männer-Gesangverein, arbeitete als Gesangsprofessor am Wiener Konservatorium, war Direktor der Hofoper und leitete schließlich die Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde. Darüber hinaus profilierte er sich als Anwalt vergessener Werke - die Uraufführung Schuberts unvollendeter h-Moll-Symphonie verantwortete Herbeck - und Förderer bedrängter Kollegen: Anton Bruckner verdankte einen Teil seiner spärlichen Erfolge in der Öffentlichkeit dem Einsatz Herbecks. Zur Musik Wie ist nun die Musik Herbecks zu beschreiben? Klar scheint beim Hören bald, dass er sich als Komponist auf der Höhe der Zeit befand: Er gestaltet eine geschlossene, dichte Klanglichkeit, füllt seine Themen mit gefälligen, freilich nicht sonderlich originellen Ideen, handhabt die musikalischen Mittel souverän, instrumentiert eher konventionell und bedient in seinen im Vergleich zu denen mancher Zeitgenossen eher knapp dimensionierten Sätzen eine breite Palette des Ausdrucks. Herbeck integriert in seine musikalische Welt als klare Basis das Erbe der Wiener Klassiker, besonders Schuberts Musikverständnis scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Daneben stehen Brahmssche Momente der kompositorischen Durchdringung, tauchen in den breit angelegten Satzschlüssen immer wieder Brucknersche Klänge auf, prägt jedoch auch der Rückgriff auf das Formenpaar ‘Präludium und Fuge‘ das symphonische Werk Herbecks. Dass diese eher gemischte und zwischen den großen ästhetischen Schulen der Zeit changierende Ansatz Herbecks dennoch überzeugt und mit einem eigenen Charme für sich einnimmt, verrät den potenten Gestalter hinter der Musik, dem es gelang, in häufig atemberaubend kurzen Arbeitsphasen erstaunlich kompakte Werke zu vollenden. Überzeugende Ersteinspielung Die Hamburger Symphoniker unter der Leitung Martin Haselböcks präsentieren Herbecks Werke in einem amalgamierten, runden, etwas dunklen Klang und agieren dabei musikalisch differenziert. An mancher Stelle wäre eine größere Durchsichtigkeit in der Präsentation feinstruktureller Elemente wünschenswert gewesen, hätte die klangliche Disposition - vielleicht auch technisch - etwas dezidierter sein können. Jedoch verleiht Haselböck der Musik die nötige Größe, vermittelt er den ihr eigenen Eindruck. Auch den zwischen einzelnen Sätzen wechselnden Gegensatz von verspielter Schubertscher Leichtigkeit und der dichten Klangballung nach dem Vorbild Bruckners arbeitet Haselböck überzeugend heraus. Herbecks vierte Symphonie trägt den Beinamen ‘Orgelsymphonie‘, weil sie unter Einbeziehung einer großen Orgel aufzuführen ist. Für die neu geschaffene Ladegast-Orgel des Musikvereinssaals konzipiert, fungiert die ‘Königin der Instrumente‘ hier jedoch lediglich als ‘Magd‘ des dramatisch erhöhten Klangeffekts - immerhin schuf Herbeck diese Verbindung zwischen symphonischem Orchester und Orgel neun Jahre vor dem nicht nur in dieser Hinsicht bekannteren und erfolgreicheren Camille Saint-Saëns. " (Klassik.com 09.02.2006) |